Ein Mann berichtet.......Die Sir Chroniken

Die Innere Stärke


........das Gebell der im Park spielenden Hunde drang durch die gekippten mannshohen Butzenfenster in die grosse Bibliothek und hallten durch den ganzen Raum den ich vor einer gefühlten Ewigkeit betreten hatte um ihn zu treffen, meinen Gastgeber der mir per Brief eine Einladung geschickt hatte. Das was er mir bis jetzt offenbart hatte musste ich erstmal begreifen. Doch er hätte mich wohl nicht erwählt wenn er mich nicht kennen würde. Das wurde mir schon in seinen ersten an mich gewandten Sätzen deutlich die er an mich gerichtet hatte.

Ich war immer noch erstaunt darüber wie gross die Bibliothek eigentlich war. In dem grossen marmorierten Kamin an der Wand knisterte das Feuer während sie langsam das Holz auffrassen. Eine angenehme Wärme und die Schwere des Wissen bereitete eine wohlige Atmosphäre. Die alten Leuchter verbreiteten ein angenehmes Licht das jeden Winkel hier erfasste. Der englische Duft des Tees tat seines gleichen und mein Puls schlug langsam und gleichmässig. Eine friedliche Ruhe durchströmte mich und ich lehnte mich zurück in dem alten Sessel der vor dem grossen schweren, von der Zeit gezeichneten Eichentisch stand. Was er wohl für Geschichten noch inne hält, dachte ich bei mir ? Meine Hand glitt über das warme Holz das sich ziemlich rau anfühlte. Jede Rille eine Geschichte? Wer weiss. Mein Gegenüber atmete schwer durch seine Halbmaske als sich zu dem Gebell der tollenden Hunde auch noch Kinderlachen mischte. Er hatte sie bis jetzt nicht einmal abgelegt. Nur ich hatte ein Getränk bekommen, er selbst verzichtete darauf, was seinem Lakaien wohl missfiel. In den Augen dieses gewaltigen Kerls sah ich Unverständnis und Sorge mitschwimmen wenn er mit ihm umging. So gewaltig dieser Kerl auch den Raum ausfüllte, mit seinem grossen Zylinder und dem langen schwarzen Mantel, so zerbrechlich wirkte er wenn er mit meinem Gastgeber sprach.

"Beunruhigt Sir?", fragte ich, während er seinen Hand auf den alten braunen Mantel legte.

"Nein mein Freund. Nur wieder Erinnerungen aus vergangenen Zeiten." Seine Stimme klang schwer und fast traurig. Das wäre jetzt das erstemal das ich ihn so erlebte, denn bisher war er euphorisch ja sogar treibend in seinen Erzählungen aber irgendwas in ihm wahr wohl erwacht.

"Schlimme Erinnerungen?"

"Mein lieber Wall, schliess bitte die Fenster. Ich ertrage das gerade nicht." , wies er seinem Lakaien ruhig an.

Das war es also! Gebell der Hunde und das Lachen der Kinder. Eine seltsame Kombination aber was wahr hier schon in seiner Gegenwart normal?

Ich sah zu wie sein Diener die Fenster schloss und die Geräusche verstummten augenblicklich ausser seinem schweren Atmen und das Prasseln des Feuers im Kamin.

"Ich höre zu. Dafür habt ihr mich gerufen." Ich beugte mich über meinen Notizblock,kontrollierte ob mein Füller noch genug Schreibkraft hatte und blickte über seine Maske in diese Augen die voller Tiefe waren. Sein Blick erschienen mir gerade weit weg. Nicht das erstemal das ich ihn so sah. Er erinnert sich. Er atmete nun ruhiger und beugte sich schwer zu mir vor. Seine Stimme erklang müde und von Sorge getragen.

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Ich war damals noch sehr jung im Vergleich zu heute aber ein Mitglied eines Ordens von Assasinen, deren Hauptsitz sich in Sussex befand. Ein sehr altes Herrenhaus der deren Bewohner schon seit Urzeiten Heimat, Ausbildungsort und Gefängnis zugleich war. Alle ausser meiner Person hatten ihr Leben für den Orden geopfert und sich hierher zurückgezogen. Nur wenn wir den Auftrag des Rates erhielten zogen wir aus um gewisse Dinge wieder zu begradigen. Auf unsere Art.

Nun war es so das mein damaliger Mentor und erster Vorsitzender eben genannten Rates verschwunden war und er es uns zur Aufgabe gemacht hatte den kleinen Jungen aus der Gasse zu schulen und ihn zu einem von uns werden zu lassen. Wir wussten damals nichts von Kindererziehung. Wir waren Auftragskiller. Das ist so als wenn man ein Kind zu einem Rudel Wölfe werfen würde. Wir kannten nur das tödliche Credo und Nächstenliebe war uns fern.

Jeder der unseren, meiner Brüder musste sich beweisen um hier aufgenommen zu werden. Man wurde nicht einfach gebeten geschweige denn eingeführt. Uns war es vollkommen unverständlich was wir nun mit diesem Balg sollten. Ein kleines fettes dümmliches Kind. Sein Verstand nicht grösser als der eines Säuglinges. Er war nur Ballast damals für uns, dass könnt ihr mir glauben doch der Order des Ersten ist Folge zu leisten. So verlangt es das Credo. Er hatte dem kleinen seinen Stab gegeben damals in der Gasse und der Kleine hatte sich vor meinen Augen bewiesen aber diese Geschichte kennt ihr ja bereits. Der Tag an dem mein Mentor verschwand. Der tag als er ging und der kleine in unsere Obhut gegeben wurde, geschützt durch die Order des Ersten.

Doch er war unsere Last die es zu beseitigen galt. Meine Brüder hatten kein Verständnis denn sie waren nicht dort gewesen an dem Tag in der Gasse. Nur ich habe es gesehen und doch wollte ich es nicht glauben. Was also sollten wir tun? Ein Kind von gerade mal acht Lenzen unter Wölfen.

Wir sprachen Stunden mit dem neu gewählten Rat und fassten den Entschluss das der Kleine sich erneut beweisen muss. Eine Prüfung der morbiden Art.

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Hastig schrieb ich alles mit und mir dämmerte es das diese Geschichte mir wohl nicht gefallen würde. Ich kannte seine Taten unter dem Orden. Er und seine Brüder waren eine Art des morbiden Klerus in England. Keine Gnade oder Rücksicht. Sie waren todbringende Schatten. Ich würde glatt behaupten die euröpäische Version der Ninja. Mit ausgefeilter Technik und speziellen waffen ausgestattet haben sie ihre Ziele effektiv und endgültig beseitigt.

"Was habt ihr getan? Wie sah die Prüfung aus?"

"Geduld mein Freund. Ihr erfahrt es noch. Euer Tee scheint kalt zu sein. Noch etwas Gebäck dabei? Wall? Wärst du so freundlich und schenkst nach?"

Sein Diener grinste und knurrte dabei. "Sehr gerne. Mit leerem Magen ist diese Geschichte schwer zu schreiben."

Er schenkte erneut nach und drappierte das Gebäck um meinen Teller herum auf dem der Tee stand. "Greift zu. Besser ist es." , sprach er und platzierte sich wieder neben dem Sir und legte seine Hand auf den Arm den der Sir sich hielt.

"Nun welche Prüfung war es?"

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Die Prüfung war eine der Arten denen man selbst als einer der unserigen Brüder schwer gegenüber steht. Wir brachten den kleinen Jungen zu einer alten Scheune in der wir eine Arena aufgebaut hatten. Hohe Palisaden bildeten einen Kreis von gut zwanzig Meter Durchmesser dessen Rand drei Meter hoher Verschlag war. Um ihn herum war eine Empore aufgebaut wodurch man zwar rein sehen konnte jedoch niemand raus kam. Der Boden war mit blutbeflecktem Stroh der vergangenen Kämpfe bedeckt. Wir waren zu Sechst und voll bewaffnet nicht ohne Grund und zu unserem eigenen Schutz. Der kleine Junge war in unserer Mitte damit er nicht flüchten konnte. Doch er machte keine Anstalten. Seine Äuglein strahlten zu uns herauf und er schien sich zu freuen. Naiver kleiner dummer Junge. Das Lamm zur Schlachtbank und es mäht voller Freude und Ahnungslosigkeit. Wir erreichten die Arena und ich öffnete die doppelt verriegelte Tür indem ich die Balken beiseite schob. Wuchtig hämmernd fielen sie zu boden und ich brachte das Lamm in die Mitte des Kreises. "Setzt dich hier hin und warte!", befahl ich diesem Haufen Elend der sich prombt auf seinen kleinen fetten Hintern fallen liess. Ein Kind eines Säufers und Schläger und er schafft es trotzdem wohlgenährt zu sein. Wer weiss was der alles in sich hinein gestopft hat. Ein letztes Mal blickte ich auf dieses Kind, dessen Namen uns bisher nicht bekannt war. Wie gesagt. Dümmlich und Verstand eines Kleinkindes. Ich nahm ihm den Stab meines Mentors ab. Den brauchte er hier nicht und plötzlich meinte ich wieder diesen grünen Schimmer für einen kurzen Blick auf seinem Gesicht zu erkennen. Der Junge gab ihn mir und grinste dabei. Ein Grinsen das mir Unbehagen bereitete. Doch ich verwischte diese Moment und ging auf die Türe zu und verriegelte sie um danach die Empore zu erklimmen. Meine Brüder hatten ihre Armbrüste geladen und hatten den Jungen ins todbringende Visier genommen.

"Seid ihr so dumm das ihr meint das dies notwendig ist?"

"Das fragst gerade du Nickodemeus? Du weisst was da gleich durch die Tore kommt. Es war deine Idee."

"Genau und deswegen packt sie weg. Die erledigen das. Sie haben Hunger und der Kleine wird ein fettes Mahl für sie." Meine Hand legte sich auf die Waffe meines Bruders und die anderen folgten der Geste und packten ihre Armbrüste wieder ein.

Im unteren Teil des Kreises waren in den Verschlag Tore eingelassen die wir von hier oben aus öffnen konnten. Das Knurren und Geifern aus den Käfigen hinter jenen Toren wurde lauter. Sie hatten die Witterung des Jungen aufgenommen. Sie rochen sein Fleisch und waren sehr hungrig. Menschenfleisch war ihenen bekömmlich denn wir setzten sie nicht zum ersten Mal hier ein. Andere vor ihm, diesem kleinem Parasit, hatten sie schon zerfetzt. Auch wir brauchten damals Abwechslung und glaubt mir mein Schreiberling, diese Menschen haben es verdient. Nun hatten wir den Kleinen hier reingepackt. Er musste sich jetzt beweisen. Mein Blick fiel auf die Arena Mitte wo er neugierig zu mir aufschaute. Ich hob meine Hand, er grinste und liess sie niederfallen. Das war das Kommando zum öffnen der Tore und mein Bruder tat wie ihm geheissen.

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"Was habt ihr getan Sir? Das ist abartig! Ein Kind in eine Grube zu werfen mit dem Wissen das es nicht überlebt, ja sogar nur Futter ist! Das ist pervers!"

Der Sir bäumte sich vor mir auf, seine Augen wurden dunkel und er zischte wütend: " Hört erst zu bevor ihr urteilt. Verurteilt mich erst am Ende. Nehmt euch nicht heraus mich zu kennen. Ich kenne Dinge jenseits eurer Vorstellung also schweigt und schreibt. Das ist eure Bestimmung!"

Er hieb mit der Faust auf den Tisch und sein Diener schob ihn behutsam zurück in den Sessel.

"Hört ihm zu Schreiber. Das ist erst der Anfang. Wartet es ab."

Ich griff wütend nach meinem Füller und zog den Block heran. Ich war wütend aber auch überrascht zugleich das er sich so verändert hatte. Diese Schwärze war für einen kurzen Moment mir unheimlich und ich habe für einen Moment gedacht das der Raum dunkler wurde.

"Dann sprecht aber ich glaube nicht das mir das Ende gefällt." , antwortete ich zähneknirschend in Anbetracht dessen was ich befürchtete.

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Nun, wo war ich? Ach ja. Die Tore öffneten sich und spien ihre Brut in die Arena. Zehn Tore die ihre geifernden, knurrenden, nach Blut lechzenden Boten aussandten. Rottweiler Hybriden der grösseren Art. Tiefschwarzes Fell, Gold glühende Augen und Muskeln die sich durch ihr Fell abzeichneten. Einer von ihnen hätte schon gereicht um einen Menschen zu erledigen aber auch das teilen hat im Rudel vorrang. Die Hybriden schossen aus den Toren. Reckten ihre Köpfe in die Höhe nahmen uns in den Fokus und bellten oder war es ein brüllen, ich erinnere nicht mehr. Sie umkreisten den kleinen Jungen. Einige stoben nach vorne doch diese Ruhe in dem Kleinen verwunderte uns selbst. Er sass nur da. Kein Anzeichen von Panik, wie damals in der Gasse als er seinen Peinigern gegenüberstand.

"Was stimmt mit dem kleinen nicht?", riefen meine Brüder die dies ungläubig betrachteten. "Jeder andere hätte jetzt geschrien oder versucht zu entkommen."

Ich schmunzelte. "Der Kleine ist schlauer als wir gedacht hatten. Er sondiert."

"Der stirbt jetzt!" , rief mein Bruder und schoss aus seinem Vorderlader knapp über die Köpfe der Hybriden. Diese zuckten zusammen und knurrten wütend. Sie waren auf dieses Kommando trainiert und wie erwartet rannte einer von ihnen mit aufgerissenem Maul auf den Kleinen zu.

"Na endlich. Das wars du kleiner Fettsack!"

"Sicher, mein Bruder? Schau hin!"

Innerlich hatte ich es geahnt was kam aber nun sahen es meine Brüder mit eigenen Augen. Der Hybride der nach vorne auf den Jungen gerannt war, ist der Rudelführer und sein ranpreschen wurde durch kleine Hände abrupt gebremst die seinen Kopf hart gepackt hatten. Unglaublich welche Kräfte in dem kleinen Körper waren, denn er rang den Anführer zu Boden bis dieser vor Schmerzen winselte. Er jaulte und jankte. Zwei weitere aus dem Rudel wollten ihm zu Hilfe eilen doch der Blick des Kindes zwang sie zurück. War da wieder der grüne Schimmer? Er beugte sich ganz nah an den Kopf des Rudelführers. Stirn an Stirn und flüsterte etwas. Eine Szenerie die für mich, wie meine Brüder kaum zu begreifen schien. Ich blickte auf den Stab meines Mentor und erkannte auch auf ihm den Schimmer der kaum merklich pulsierte. So also hast du das angestellt. Immer für eine Überraschung gut, dachte ich bei mir und schlagartig wurde mir klar was hier vor sich ging.

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"Was war es Sir? Ein weiteres Geheimnis?" Ich bin neugierig geworden und riss ihn aus dieser Geschichte. Sein starrer Blick wurde klar und er schien zu unter der Maske zu grinsen.

"Überrascht mein Freund? So bestialisch es auch euch eben erschien, doch ihr unterschätzt mich. Ich musste meine Brüder überzeugen das mein Mentor die richtige Wahl getroffen hat. Ich war sicher das der Junge es überleben wird und wir ihn hervorragend nun schulen werden. Doch alles hat seinen Preis und ich trage meinen Tribut stets seit jeher bei mir."

Mit diesen Worten krempelte er den Mantel hoch und zeigte mir seinen Unterarm auf dem sich die Reste eines Gebiss abzeichneten das vor langer Zeit seine Wunden gerissen hatte. Wall, sein Diener starrte auf die Narben und ein Schimmer huschte für einen kurzen Moment über dieses grobe Gesicht eher er dem Sir half den Mantel wieder darüber zu rollen.

"Nun, irgendwie musste der Junge ja wieder daraus geholt werden," lachte der Sir als er meinen erstaunten Blick sah, " und da die Hybriden nur auf mich gehört haben beziehugsweise dem Jungen, ist dies der Preis gewesen ihn aus seinem neuen Rudel herauszuholen. Er hatte den Führer besiegt und war nun ihnen gleich. Tiere sind zwar primitiv aber nicht dumm. Bewundernswert und meines erachtens sogar viel angenehmer als ihr Menschen es seid."

"Also hat das Rudel ihn verteidigt als ihr ihn nach, ich nehme an, bestandener Prüfung dort rausgeholt habt."

Der Sir beugte sich vor, wedelte mit seinem Finger gönnerisch vor meinem Gesicht und lachte.

"Exakt! Gut erkannt. So wahr es und deswegen weckt diese Kombination von Gebell und Lachen diese Erinnerung. Gut aufgepasst. Noch etwas Tee? Wall? Wärst du freundlich?"

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